Aktionskreis Münchener Philatelistenfreunde

Rede der Münchner  Regional-Bischöfin,

Frau Susanne Breit-Keßler

der Evangelischen Landeskirche in Bayern  

zur Präsentation der beiden Weihnachts-Sonderbriefmarken 2010 durch das Bundesministerium

der Finanzen in Kooperation

mit dem Berliner Büro der Deutschen Bischofskonferenz 

in der Karmeliterkirche in München am 3. Dezember 2010


Die Weihnachtskrippe auf einer Briefmarke verewigt und millionenfach in Umlauf gebracht - Maximilian von Montgelas würde sich im Grab umdrehen. Montgelas, der Schöpfer des modernen bayrischen Staates, hatte vor 200 Jahren, durch das Religionsedikt von 1809, in Bayern neben anderen kirchlichen Bräuchen auch die öffentliche Aufstellung von Krippen verbieten lassen.

Montgelas war aufgeklärter, liberaler Geist. Die Religionstoleranz des Reformministers, der uns Protestanten nach Bayern holte, ist ein Meilenstein christlicher Klarheit - dafür ein herzliches Vergelt´s Gott. Das hat er gut gemacht. Aber die Ausklammerung von kirchlichen Bräuchen und Festen aus dem öffentlichen Bewusstsein kann nicht im allgemeinen Interesse sein.

Im Gegenteil: Unsere moderne Gesellschaft lebt von geistig-geistlichen Voraussetzungen, von großen althergebrachten christlichen Festen und Symbolen, die sie übernimmt und pflegt, um öffentliches Leben zu gestalten – um darauf zu verweisen, wem wir unser Leben verdanken und zu wem wir dereinst zurückkehren. Solche Einsicht macht hellsichtig für das, was hienieden zu tun ist.  

Bethlehem versinnbildlicht himmlischen Widerspruch gegen individuelle und kollektive Unmenschlichkeit: Im Angesicht der Krippe wird sinnenfällig, dass Gottes Wirklichkeit unsere Realität durchkreuzt, erhellt, erleuchtet und unter einen guten Stern stellt. Der Stall, das kleine Kind, die als Wunder empfundene Geburt, die angesichts der Umstände erstaunliche Harmonie der Eltern…

Könige, besser: Weise aus fernen Ländern, die es verstehen, einen machtgierigen Potentaten zu überlisten und ihm den Ort der göttlichen Geburt zu verschweigen, Hirten, rauhe Burschen, die überraschend festlich und fein gestimmt sind – alles Ausdruck für eine Mitmenschlichkeit, die sich nicht irritieren lässt von Gemeinheit, Großmannssucht, vom Groben, von elender Mühe und Plage.  

Gott kommt als Mensch zur Welt. Er hat Gesicht und Namen. Weil er uns nahe kommt, hautnah, weil er einer wie wir wird, leuchtet in der Finsternis wahre Humanität auf, eine ansteckende, überzeugende Menschenfreundlichkeit – eine, die selbst in der größten Krise darauf verzichtet, sich maßlos wichtig zu nehmen, andere zu verdrängen, sie gar nicht erst bei sich haben zu wollen.

"Frieden auf Erden" heißt es im Gesang der Engel. Solche Botschaft meint eine Idee vom Leben, eine Mitmenschlichkeit, die uns täglich neu aufgetragen ist. Weihnachten ist die Botschaft der Konkurrenzlosigkeit, - darin hat der Soziologe Georg Simmel bereits vor 100 Jahren die heilsame Bedeutung von Weihnachten für die moderne Gesellschaft zugespitzt.

Der Gott, an den wir Christenmenschen glauben, ist konkurrenzlos in seinem Verzicht auf Allmacht. Konkurrenzlos in der Nähe noch zum erbarmungswürdigsten Menschen. Das ist himmlischer Maßstab, an dem wir selber gemessen werden. Zur Weihnacht, zur Menschwerdung gehören die Erinnerung und das Bewusstsein, dass wir selbst wahrer Mensch werden sollen.

„Mach´s wie Gott, werde Mensch“ ist ein beliebter und bekannter, durchaus biblisch fundierter Sprayerspruch. Wir wissen um Menschen, die sich angesichts beinharter Konkurrenz nicht oder nicht mehr entfalten, die nicht mithalten können. Es ist unsere Aufgabe, wohltätig zu sein, ihnen wohl zu tun und an einer Kultur mitzuwirken, in der, wie an der Krippe, jeder und jede einen Platz hat.

Die Weihnachtskrippe im Kleinformat ist die Abbildung zarter, verletzlicher und zugleich bezaubernder, anrührender Mitmenschlichkeit. Die filigrane Miniatur birgt die große Idee für die Realität; sie zieht den Blick der Betrachtenden auf sich, auf das Kleine und lenkt ihn zurück auf die große Welt, in der das Detail jedes menschlichen Lebens unsere schwebende Aufmerksamkeit verdient.

Dank an alle, die solchen Blick auf die Feinheiten des Lebens möglich gemacht haben, besonders den Verantwortlichen im Bundesministerium der Finanzen. Sie haben mit dafür gesorgt, dass seit Beginn der Aktion 600 Millionen Euro für wohltätige Zwecke erlöst wurden. Der Verkauf ist zurückgegangen – wohl auch, weil mehr elektronisch kommuniziert wird.

Überdies gibt die Post eigene, säkulare Weihnachtsbriefmarken heraus – ein Widerspruch in sich. Mein dringender Wunsch: Kaufen Sie die Wohlfahrtsbriefmarken! Sie mögen die Erde umrunden und auf ihre Weise dazu beitragen, dass das Weihnachtsevangelium dem Leben und der Menschenfreundlichkeit dient. Es ist wirklich gut, wenn das Evangelium mit der Post abgeht!


 

Frau Susanne Breit-Keßler wurde im Jahre 2000 als erste Frau in das Amt der Regionalbischöfin im Kirchenkreis München und Oberbayern berufen.

Sie ist seit dem Jahre 2003 zugleich Ständige Vertreterin des Landesbischofs der Evangelischen-Lutherischen Kirche in Bayern. Weiterhin ist sie Mitglied der Bio-Ehtik-Kommission der Bayer. Staatsregierung, Mitglied der Kammer für Öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Vorsitzende des Seelsorgeausschusses der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) sowie Mitglied in der Jury des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises und Mitglied im Beirat der Evangelischen Stiftung Hospiz.

Für ihre vielen Verdienste wurde Fr. Breit-Keßler mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Zugleich ist sie auch Trägerin des Bayerischen Verdienstsorden und Inhaberin der Silbernen Verfassungsmedaille. Weitere zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen begleiten ihre Schaffenskraft, im Dienste der Kirche und des Menschen.

 

Die beiden Fotos zeigen Fr. Susanne Breit-Keßler, zusammen, mit dem Parlamentarischen Staatssekretär, H. Hartmut Koschyk, im Rahmen einer Feierstunde zur Präsentation der Weihnachts-Wohlfahrts-Marken am 3. Dez. 2010 in der Münchner Karmeliter-Kriche

Fotos:HörbiFoto